…oder der Höhepunkt des Egoismus

Jeder, der mich ein wenig kennt, weiß, dass ich Dialysepatient bin und seit zehn Jahren auf eine neue Niere warte. Natürlich bin ich mit vielen anderen Patienten, die auf die Blutwäsche angewiesen sind, befreundet. Gestern rief mich ein guter Freund an. Hier ist seine Geschichte:

Geschehen vor ein paar Tagen in Niedersachsen, Hameln. Ein 48jähriger Dialysepatient hat es nicht gerade leicht. Er ist meistens damit beschäftigt, zu überleben. Um an ein neues Spender-Organ zu gelangen – in diesem Fall eine Spenderniere – können schon mal 13 Jahre vergehen. Die Dialyse (Blutwäsche) ist nötig, damit der Patient nicht stirbt. Natürlich stirbt dieser Patient vorzeitig, wenn die Dialyse nicht mehr richtig entgiftet und ein neues Organ noch lange nicht in Aussicht ist. Ständige Übelkeit und regelmäßiges Erbrechen sind die Folge.

Aber dieser Patient möchte noch am Leben Teilhaben. Er möchte arbeiten und einfach nur etwas leisten. Und das tut er auch. Wegen seiner Krankheit kann er dieses nur noch halbtags, aber er macht es gern. Er arbeitet in einer Verfolgungsbehörde in Hannover und fährt dort jeden Tag mit dem Zug in dieses Amt, um seine Arbeit zu verrichten.

Natürlich wäre es nach Feierabend schön, sich in der wohlverdienten Mittagspause hinzulegen. Durch einen kleinen Mittagsschlaf kann wieder Kraft getankt werden, die für den Rest des Tages notwendig ist. Verzichtet er auf diese kleine Mittagsruhe, rebelliert der Körper – drei bis vier Stunden Übelkeit sind die Quittung dafür.

Doch eine Nachbarin zieht es vor, genau in dieser Mittagsruhe den heimischen Rasen zu mähen. Vorbei ist es mit der erhofften Ruhephase. Der Nachbar denkt sich, die Karin Dorfmann (Name geändert) ist ja eine sehr nette Frau. Wenn ich sie höflich frage, ob sie die Arbeiten in ihrem Garten nach der Mittagsruhe fortführen könne, weil es mir sehr schlecht geht – ja, dafür würde sie sicherlich Verständnis haben. So dachte er zumindest.

Als der Dialysepatient die Dame ansprach, hagelte es innerhalb von Sekunden aggressive Sätze, die mit Hass, Unverständnis und vor allem mit grober Unfreundlichkeit gespickt waren. Das ist wetterabhängig und muss gemacht werden – sagte sie an einem sonnigen Tag ohne Aussicht auf Sturm oder Regen. Auch als der Kranke Mann ausführlich erklärte, warum er gesundheitlich auf die Mittagspause angewiesen ist, reagierte sie nur mit merkwürdigen Gegenargumenten.

Dass sie in der Mittagspause Rasen mähen würde, darüber hätte sich noch niemand beschwert  – so ihre Aussage in einer nicht sozialen Tonlage. Der Dialysepatient antwortete darauf: Dass sich keiner beschwert hat, bedeutet ja nicht, dass es keinen stört. 

Schnell merkte der 48jährige, dass es nicht möglich war, mit der ansonsten so freundlichen Rentnerin ein gesittetes Gespräch zu führen. Aus Ärger beendete er das Gespräch, und drohte mit einer Anzeige. Fakt ist aber, er würde nie Anzeige gegen einen seiner Nachbarn erstatten, auch nicht wenn diese vorsätzlich eine Ordnungswidrigkeit begeht die andere belästigt – Rasen mähen in den gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten.

Der kranke und völlig aufgeregte Mann begab sich nach Hause und kontaktierte sofort den hiesigen Dorf-Pfarrer, der für die kleinen Ortsteil zuständig ist. Der Mann Gottes war sehr enttäuscht von dem Verhalten der Karin Dorfmann, möchte sich aber nicht in diesen Streit einmischen. Der Fall werde aber zu den Akten genommen, so hieß es.

So entstand ein neuer Höhepunkt der Ekpathie, und das in der Nachbarschaft. Da bittet ein kranker Mann eine Rentnerin, die ohnehin den ganzen Tag Zeit hat, ihre lärmverursachenden Gartenarbeit um eine Stunde zu verschieben – doch das ist wohl unter keinen Umständen möglich. Vielleicht ist Frau Karin Dorfmann (Name geändert) auch mal auf Hilfe in ihrem Leben angewiesen. Wird sie diese dann erhalten?

Übrigens: Der Nierenkranke Mann fragte in der Nachbarschaft nach: Vier Personen traf er an – diese fühlen sich von Frau Dorfmanns Aktivitäten gestört. Einer von diesen Nachbarn sprach Frau Dorfmann sogar schon einmal persönlich an – ebenfalls mit der Bitte, das Rasenmähen in der Mittagsruge zu unterlassen. Auch darüber setzte sie sich hinweg.